In einer Zeit in der nahezu alle größeren Filmproduktionen auch in einer 3D-Fassung im Kino erscheinen, fragt man sich ob dieser Trend, der bereits seit den Anfängen der Filmtechnik mehrfach auf- und wieder abtauchte, nun eine wirkliche Daseinsberechtigung erreicht hat. Wird durch die 3D-Produktionen für mich als Zuschauer so etwas wie ein ‘visueller Mehrwert’ erzeugt, der den Kinobesuch zu einem besseren Erlebnis macht als gewöhnliche 2D-Vorstellungen? Werde ich durch die optische Tiefenwirkung mehr vom Film eingenommen, da das Geschehen auf der Leinwand realitätsnaher erscheint?
Im Dezember 2009 war AVATAR für mich insofern ein Erlebnis, da es mein erster 3D-Kinobesuch war. Die Brille ermöglichte es mir, Filme auf eine neue Art zu sehen, und vermutlich allein durch diese Neuerfahrung war ich damals tatsächlich beeindruckt.
Vorgestern sah ich dann meinen zweiten 3D-Film (THE AMAZING SPIDERMAN) und kam mit diesem zur Ansicht, dass der jetzige Stand der 3D-Filmtechnik das Kinoerlebnis eben nicht verbessert und zwar aufgrund folgender Punkte:
1. Das Bild als solches
Die Brille verändert (notwendigerweise) die Sicht auf die Leinwand, ansonsten käme der 3D-Effekt nicht zustande. Jedoch wandelt sich das Bild größtenteils nicht im positiven Sinne, denn beim Vergleich mit/ohne Brille fällt auf, dass sie dem Bild einiges an Helligkeit und Farbsättigung nimmt. Es erinnerte mich in gewisser Weise an den Economy-Modus bei moderneren TV-Geräten. Der Farbton ändert sich ebenfalls wenn man durch die Brille sieht, das Bild erschien mir um einiges grünlicher als normal.
-abgebildet: der sichere Untergang der westlichen Zivilisation-
2. Der ‘erzwungene Fokus’
Der 3D-Film zielt auf ein realitätsnaheres Erlebnis ab, da er dem Bild Tiefenwirkung verleiht. Die Augen sehen durch die Brille jeweils eine minimal verschobene Ansicht der Objekte im Film, wodurch der räumliche Eindruck entsteht. Dies funktioniert zwar recht gut, jedoch fällt eben dadurch in einem höheren Maß ein generelles filmtechnisches Problem auf, nämlich dass der Betrachter nicht frei entscheiden kann, welchen Bereich des Bildes er mit seinen Augen fokussieren (im Sinne von scharfstellen) möchte. In den meisten Fällen wird im Film natürlich dafür gesorgt, dass das Obekt im Fokus ist, auf welches man eh blickt, bspw. das Gesicht der sprechenden Person. In manchen Situationen guckte ich jedoch bspw. auf eine Stelle, die sich tiefer im Raum befand, welche sich dann aber natürlich nicht einfach (wie im echten Leben) scharfstellte.
Das ist kein spezifisches Problem von 3D-Filmen - mein Punkt ist nur, dass das Problem bei diesen stärker auffällt. Die Augen können beim 3D-Film vermeintlich ‘mehr’ (nämlich räumlich sehen), scheitern daraufhin jedoch am beschriebenen Fokus-Problem, was irritiert und den Betrachter somit in die Realität außerhalb des Films zurückholt. Die Illusion eines realitätsnaheren Bildes geht zumindest für mich damit verloren. Ähnlich hierzu das nächste Problem:
3. Die Brille
Dieser Punkt betrifft mich als Nichtbrillenträger besonders, da mir während der Vorstellung ca. alle 10 Minuten auffiel, dass ich ein schwarzes, breitrahmiges Gestell auf der Nase habe, in einem großen dunklen Raum sitze und mit einigen anderen Personen zusammen auf eine große helle Fläche starre - all das lediglich aufgrund des ungewohnten Brilletragens. Bei 2D-Vorstellungen wird mir eher selten bewusst, dass ich überhaupt einen Film sehe, ausgenommen bei lautem Gelächter oder langweiligen Stellen. Bei der 3D-Vorstellung hatte ich jedoch oft einfach wegen der Ablenkung durch die Brille das Gefühl, mich wieder zurück auf den Film konzentrieren zu müssen.
-ganz davon abgesehen, dass man als 3D-Brillenträger im Kollektiv reichlich beknackt aussieht-
Die Brillengläser sind zudem für ihren Zweck nicht grade groß, sodass man den Kopf ungewohnt still und gerade halten muss, damit man die komplette Leinwand im Brillensichtbereich behält. Ob diese Probleme auch bei gewohnten Brillenträgern auftreten, kann ich nicht sagen, aber ich könnte mir vorstellen, dass es bei ihnen ebenso zu diesen Effekten kommt - alleine dadurch, dass die 3D-Brille zusätzlich zur eigenen aufgesetzt wird und eben nicht das gewohnte eigene Modell ist.
4. Der Aufpreis
Ich verstehe, dass zum Beginn des neuen 3D-Booms ab 2009 die Kinos ihre Anschaffungskosten für neue Projektoren irgendwie wieder reinholen mussten. Hinzu kommen natürlich generell höhere Kosten bei der Produktion von 3D-Filmen. Jetzt da der Wandel allerdings größtenteils vollzogen sein sollte, frage ich mich, wie der Aufpreis von 50% auf eine ohnehin schon nicht günstige Kinokarte noch gerechtfertigt ist. Als einziger plausibler Grund würde mir eben der ‘visuelle Mehrwert’ bzw. ein allgemein verbessertes Gesamterlebnis des Kinobesuchs einfallen. Ich kann jedoch nicht sagen, dass sich dies für mich bewahrheitet. Im Gegenteil: 3D-Filme zum jetzigen Stand der Technik verschlechtern meiner Ansicht nach das Filmerlebnis.
Man könnte erwidern, dass mir all das ja reichlich egal sein kann, solange es noch 2D-Vorstellungen in Kinos gibt. Das stimmt, die Frage ist jedoch, ob der Trend zu 3D diesmal nicht bereits zu stark vorangeschritten ist: für THE AMAZING SPIDERMAN war ich zumindest im Cinestar Siegen gezwungen eine 3D-Vorstellung anzusehen, da 2D-Vorstellungen des Films garnicht erst angeboten werden. Wäre ich eine der Personen, die sich 3D-Filme generell nicht ansehen können, da sie davon Kopfschmerzen und Übelkeit bekommen, könnte ich mir THE AMAZING SPIDERMAN also von der Backe streichen.
Insofern freue ich mich darüber, dass sich bspw. Regisseur Christopher Nolan klar gegen den Trend ausgesprochen hat und zumindest THE DARK KNIGHT RISES demnächst außschließlich in gewohnt-altmodischer Zweidimensionalität über die Leinwand flackern lässt.. :D